Haarausfall ist eine häufige, aber oft unterschätzte Begleiterscheinung bei entzündlichen Erkrankungen wie Rheuma. Rheumatische Krankheiten sind meist mit anhaltenden Entzündungen verbunden, die im ganzen Körper auftreten können. Die Haarfollikel – winzige Strukturen in der Haut, aus denen die Haare wachsen – sind besonders empfindlich auf Veränderungen im Körper, insbesondere auf Immunreaktionen und Entzündungen. Viele Entzündungsstoffe und Immunprozesse stören das Gleichgewicht der Haarfollikel, was oft zu Haarausfall führt.
Was passiert im Körper?
Eine Entzündung ist die Art und Weise, wie das Immunsystem auf schädliche Reize wie Infektionen, Verletzungen oder Krankheiten reagiert. Dabei werden bestimmte Abwehrzellen aktiviert, darunter Makrophagen (Zellen, die Abfallstoffe und Krankheitserreger «fressen»), T-Zellen (Zellen, die gezielt kranke Zellen erkennen und abtöten) und Mastzellen (Zellen, die eine starke Entzündungsreaktion auslösen können). Bei Rheuma gerät diese Immunantwort aus dem Gleichgewicht, was zu chronischen, also anhaltenden, Entzündungen führt. Die Haarfollikel reagieren empfindlich auf diese Entzündungsprozesse und stellen ihre Aktivität ein, sodass das Haar in die sogenannte «Ruhephase» geht, was Haarausfall begünstigt.
Entzündungsmediatoren
Bei einer Entzündung setzt der Körper spezielle Stoffe frei, die als Entzündungsmediatoren bezeichnet werden. Dazu gehören Zytokine (kleine Proteine wie TNF-α und IL-1, die die Entzündung regulieren) und reaktive Sauerstoffspezies (kurz ROS, das sind aggressive Sauerstoffverbindungen). Zytokine wie TNF-α (Tumornekrosefaktor-Alpha) und IL-1 (Interleukin-1) wirken direkt auf die Haarfollikel und stören deren Funktion. TNF-α zum Beispiel verlangsamt die Teilung der Zellen im Haarfollikel, wodurch die Haare schwächer und das Wachstum langsamer wird. ROS wiederum schädigen die Zellen im Haarfollikel, was deren Lebensdauer verkürzt und Haarausfall zur Folge hat.
Durchblutungsstörungen
Lang anhaltende Entzündungen können auch die Durchblutung stören, insbesondere in kleinen Blutgefässen (Mikrozirkulation genannt). Die Haarfollikel benötigen eine gute Blutversorgung, um ausreichend Sauerstoff und Nährstoffe zu bekommen. Durch Entzündungen kann es zu Gefässverengungen kommen (Vasokonstriktion, das bedeutet das Zusammenziehen der Blutgefässe) oder zur Bildung von kleinen Blutgerinnseln (Mikrothromben) in der Kopfhaut. Diese Störungen der Blutversorgung führen zu einer „Unterernährung“ der Haarfollikel, was den Haarzyklus verkürzt und die Haare schwächt, was ebenfalls Haarausfall zur Folge hat.
Autoimmunreaktion
Bei Autoimmunerkrankungen wie systemischem Lupus erythematodes (kurz SLE, eine Erkrankung, bei der das Immunsystem eigenes Gewebe angreift) erkennt das Immunsystem fälschlicherweise körpereigene Strukturen als Feinde. Das bedeutet, dass Antikörper (Abwehrproteine, die normalerweise Krankheitserreger erkennen und bekämpfen) die Haarfollikel angreifen können. Das führt zu lokalen Entzündungen und letztlich zur Schädigung der Haarfollikel, was den Haarwuchs beeinträchtigt und zu Haarausfall führt.
Stress und Haarausfall
Chronische Entzündungen belasten den Körper stark, was sich sowohl körperlich als auch psychisch auswirkt. Anhaltender Stress aktiviert die sogenannte HPA-Achse (eine Verbindung zwischen Gehirn und Nebennieren), die Stresshormone wie Cortisol freisetzt. Ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel kann dazu führen, dass die Haarfollikel kleiner und schwächer werden, was die Haare dünner und brüchiger macht. Gleichzeitig fördert Cortisol die Ausschüttung von entzündungsfördernden Zytokinen, was die Entzündung weiter anheizt. Zudem entsteht durch die Entzündung sogenannter oxidativer Stress – das ist ein Zustand, bei dem aggressive Sauerstoffverbindungen (ROS) die Haarfollikel schädigen und deren Zellen zerstören, was zu verstärktem Haarausfall führt.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Behandlung von Haarausfall, der durch Entzündungen verursacht wird, sollte auf mehreren Ebenen erfolgen. Die wichtigste Massnahme ist die Kontrolle der Entzündung. Dies geschieht oft durch Medikamente, die das Immunsystem dämpfen, wie Methotrexat, TNF-α-Hemmer (z. B. Infliximab) oder Kortikosteroide. Diese Medikamente senken die Menge an Entzündungsstoffen im Körper und bremsen die Aktivität der Abwehrzellen, die die Haarfollikel angreifen. Zusätzlich kann eine entzündungshemmende Ernährung helfen, die antioxidative Belastung zu reduzieren. Omega-3-Fettsäuren (z. B. in Fischöl), Antioxidantien (z. B. Vitamin E und C) und Polyphenole (z. B. im grünen Tee) wirken entzündungshemmend und unterstützen die Gesundheit der Haarfollikel. Auch eine gezielte Pflege mit feuchtigkeitsspendenden und beruhigenden Inhaltsstoffen für die Kopfhaut kann hilfreich sein, um das Risiko für Haarausfall zu senken.
Für eine effektive Behandlung ist es ratsam, die Entzündung zu kontrollieren, Stress zu reduzieren und auf eine ausgewogene Ernährung zu achten. In Kombination können diese Massnahmen dazu beitragen, den durch entzündliche Erkrankungen verursachten Haarausfall zu reduzieren.

